Für die Zeit vor dem 15. Jahrhundert (15) gibt es keine durchgehende archäologische Chronologie für das ganze Land. Forschende verbinden Funde mit mündlicher Überlieferung, Sprachforschung, Ortsnamen und späteren Schriftquellen. Vom ersten Jahrtausend an entstanden an der Oberguineaküste in Fluss- und Mangrovengebieten landwirtschaftliche, fischende und handelnde Gesellschaften. Die Belege stützen keine einheitliche frühe Landesgeschichte. Vom 13. bis zum 19. Jahrhundert (19) nahm der Einfluss mandesprachiger Gruppen aus dem Gebiet des Mali-Reichs zu. Das Gemeinwesen Kaabu (Kaabu), auch N'Gabu genannt, wurde im Landesinneren zu einer bedeutenden Regionalmacht. Balanta, Papel, Manjak und Mankanya, Biafada, Fulbe, Bijagós oder Bidiogó sowie Felupe und Jola entwickelten gleichzeitig unterschiedliche politische Formen. Die einfache Gegenüberstellung staatlicher und staatenloser Gesellschaften wird diesen Gemeinschaften nicht gerecht. Ausdehnung, Provinzordnung und zeitliche Grenzen Kaabus sind umstritten; Kansala gilt als spätere Hauptstadt. Ausgrabungen von 2024 und 2025 weisen dort auf eine große, geplante und gegliederte Anlage mit königlicher Festung, Provinzfestungen und Pufferzonen hin, klären aber Kaabus gesamte Geschichte nicht abschließend. Portugiesische Seefahrer erreichten im 15. Jahrhundert (15) die Küste. Zunächst entstanden Handelskontakte und Küstenstützpunkte, keine umfassende portugiesische Herrschaft. Lokale Herrscher, Händler und afroeuropäische Mittler (Lançados) sowie verwandte afroeuropäische Handelsvermittler (Tangomãos) kontrollierten Zugangswege und Teile des Binnenhandels. Cacheu wurde 1588 zu einem frühen portugiesischen Stützpunkt. Cacheu, Bissau, Guinala und weitere Flussgebiete wurden in den Atlantikhandel eingebunden. Im 17. Jahrhundert (17) war die Handelsgesellschaft von Cacheu, Flüssen und Guinea (Companhia de Cacheu, Rios e Comércio da Guiné) tätig. Der Handel mit versklavten Menschen war zentral; auch Wachs, Elfenbein, Häute, Reis, Palmprodukte und Textilien wurden gehandelt. Fulani- und Fulbe-Dschihads, Kriege um Kaabu, regionale Islamisierung und Machtverschiebungen prägten das 18. und 19. Jahrhundert. Kaabus Zusammenbruch in Kansala wird allgemein in die Mitte des 19. Jahrhunderts eingeordnet; Einzelheiten bleiben umstritten. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert (20) konkurrierten Frankreich, Portugal und Großbritannien um Einfluss. Der Bolama-Streit wurde 1870 zugunsten Portugals entschieden. Das Gebiet wurde kolonial als Portugiesisch-Guinea verwaltet; Bolama war von 1879 bis 1941 Hauptstadt, danach Bissau. Tatsächliche portugiesische Kontrolle über das ganze Gebiet entstand erst später durch militärische und sogenannte Befriedungskampagnen. Die Bijagós-Inseln wurden erheblich später in das Kolonialsystem eingegliedert. Das Estado-Novo-Regime (Estado Novo) investierte nur begrenzt in Bildung und Infrastruktur und verband Verwaltung mit Steuer-, Zwangs- und Arbeitsregimen. Kolonialakten machen daher einen großen Teil der erhaltenen Überlieferung aus, spiegeln aber oft portugiesische Verwaltungs-, Handels- und Militärinteressen wider. 1956 gründeten Amílcar Cabral und andere die Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde (Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo Verde), kurz PAIGC. Der Unabhängigkeitskrieg dauerte von 1963 bis 1974. In den von ihr kontrollierten Gebieten baute die PAIGC Gegenverwaltungen, Schulen, Gesundheitsdienste und Versorgungsstrukturen auf. Beteiligung, Zwang, Flucht und Zusammenarbeit mit verschiedenen Seiten unterschieden sich regional. Am 24. September 1973 erklärte eine Versammlung in Boé die Unabhängigkeit. Portugal erkannte Guinea-Bissau nach der Nelkenrevolution am 10. September 1974 rechtlich an und zog seine Truppen ab. Dieser zeitliche Unterschied ist eine zentrale politische und rechtliche Frage bei der Deutung der Unabhängigkeit. Nach 1974 prägte die PAIGC den Staatsaufbau mit revolutionär-sozialistischer Ausrichtung. 1980 stürzte João Bernardo Vieira die Führung; Guinea-Bissau und Cabo Verde trennten sich politisch. Eine neue Verfassung bezeichnete das System 1984 als nationale revolutionäre Demokratie. Verfassungsänderungen von 1991 bis 1993 ermöglichten politischen Pluralismus. Bei den ersten Mehrparteienwahlen 1994 blieb die PAIGC stärkste Kraft, doch Konflikte zwischen ziviler Führung und Militär hielten an. Der bewaffnete Konflikt von 1998 und 1999 nach der Entlassung von General Ansumane Mané führte zu Interventionen Senegals und Guineas, einem von ECOWAS begleiteten Friedensprozess und Vieiras Sturz am 7. Mai 1999. Der Krieg beschädigte Bissau, Archive und den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwer. Von 1999 bis 2020 folgten weitere Putsche, Militärrevolten, Morde und Verfassungskonflikte. UNOGBIS und später UNIOGBIS unterstützten Wahlen, Versöhnung, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheitssektorreformen; UNIOGBIS endete 2020. Kumba Yalá wurde 2003 gestürzt, Veríssimo Correia Seabra 2004 ermordet und eine Militärrevolte beendet; Vieira kehrte aus dem Exil zurück und wurde 2005 gewählt. Nach dem Tod von General Batista Tagme Na Wai wurde Vieira 2009 ermordet. Ein weiterer Putsch am 12. April 2012 führte zu Sanktionen nach Resolution 2048. Die Wahlen 2014 ermöglichten eine Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung, doch wiederholte Konflikte zwischen Präsidentschaft, Regierung, Parlament und PAIGC prägten die Jahre bis 2020. Die Machtübergabe nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2020 bezeichneten die USA als erste friedliche demokratische Machtübergabe; sie blieb verfassungsrechtlich umstritten. Nach den Wahlen vom 23. November 2025 übernahm die militärische Führung am 26. November die Macht, setzte Präsident Umaro Sissoco Embaló ab und suspendierte Institutionen, Medien und Wahlprozess. General Horta Inta-a wurde am 28. November Übergangspräsident. Eine Übergangscharta sieht ein Jahr Übergangszeit vor; am 18. Mai 2026 forderte die Afrikanische Union die Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung, die Freilassung politischer Gefangener und politischen Dialog. Wahlen waren für Dezember 2026 geplant. Diese Lage belegt keine abgeschlossene Demokratisierung. Das Nationale Institut für Studien und Forschung (Instituto Nacional de Estudos e Pesquisa, INEP) und das Nationale Historische Archiv (Arquivo Histórico Nacional, AHN) unterstützen die historische Forschung. Das AHN verwahrt Sammlungen zur vorkolonialen und kolonialen Zeit bis 1973, zur Verwaltung nach der Unabhängigkeit sowie audiovisuelle mündliche Überlieferungen zum Befreiungskampf, die seit seiner Gründung 1984 gesammelt wurden. Der Zugang ist im Rahmen des nationalen Archivauftrags grundsätzlich öffentlich, kann aber zum Schutz der Würde von Personen und Institutionen eingeschränkt werden. Der Krieg von 1998 und 1999 beschädigte Bestände schwer. Digitalisierungsprojekte mit der Fundação Mário Soares, der British Library und europäischen Partnern sowie Archive in Lissabon und Cabo Verde schließen einzelne Lücken. Mittelalterliche arabische Quellen informieren nur begrenzt über die Region. Mündliche Überlieferungen wurden oft spät aufgezeichnet; Kolonialberichte können selektiv und ethnografisch verkürzend sein. Erzählungen der PAIGC und des Parlaments, portugiesische Akten, Dokumente der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union sowie lokale mündliche Geschichte sollten daher miteinander verglichen werden. Die Erinnerungen von Veteranen, Zivilpersonen, Fulbe, Balanta, Bijagós und anderen Gemeinschaften sowie von Kriegsopfern können voneinander abweichen. Die Geschichte Guinea-Bissaus beruht nicht auf einer vollständig zentralisierten, durchgehenden nationalen Quellengrundlage; Archive, lokale Forschung, mündliche Überlieferung, die Archäologie Kansalas und portugiesische sowie kapverdische Sammlungen bilden zusammen die wichtigsten Zugänge.
Geschichte Guinea-Bissaus
Die Geschichte Guinea-Bissaus reicht von wenig erforschten frühen Siedlungen über regionale Gemeinwesen und den Atlantikhandel bis zur portugiesischen Kolonialherrschaft. Dazu gehören der Unabhängigkeitskrieg, politische Umbrüche und wiederholte Konflikte zwischen ziviler Führung und Militär. Archive, mündliche Überlieferungen und Archäologie erschließen eine vielfältige Vergangenheit, die unterschiedlich gedeutet wird.
Tipp
Die Geschichte Guinea-Bissaus sollte nicht als durchgehende, einheitliche Entwicklung behandelt werden. Jede Aussage ist nach Zeitraum, Region, Quellentyp und Beleglage zu beurteilen. In der jüngeren Politik sind dokumentierte Ereignisse, umstrittene Deutungen und geplante Entwicklungen getrennt zu halten.

