Die Verfassung von 2004 ist ausgesetzt. Frühere Gesetze wurden zwar nicht vollständig formell aufgehoben, ihre praktische Geltung und Auslegung bleiben jedoch unklar. Das faktische Justizministerium erklärte im April 2026, seit 2021 insgesamt 175 Rechtsdokumente veröffentlicht zu haben, darunter 17 Gesetze, 72 Dekrete, 61 Anordnungen, 11 Leitlinien, 6 Verfahren und 2 politische Dokumente. Bei Verträgen, Schulden, Darlehen, Miete, Eigentum und Familienangelegenheiten können Betroffene einen schriftlichen Antrag bei einer Rechtsanspruchsstelle (Huquq) oder einem Justizdirektorat einreichen. Die Stelle versucht zunächst, eine Einigung zu erzielen, sammelt Unterlagen und leitet ungelöste Fälle an ein zuständiges Gericht weiter. Die formale Gerichtsstruktur besteht aus Gerichten erster Instanz, Berufungsgerichten und dem Obersten Gerichtshof; Richter werden von religiösen Rechtsgelehrten (Muftis) beraten. Verfahren, Beweiswürdigung, Rechtsmittel und Vollstreckung sind jedoch uneinheitlich, und Verzögerungen kommen häufig vor. Bei Grundstücken gelten Gerichtsurkunden, Steuer- und Katasterunterlagen sowie Landarchive (Arazi) als formelle Beweismittel; auch Gewohnheitsurkunden, örtliche Kenntnisse sowie religiöse oder gemeinschaftliche Bestätigungen werden verwendet. Ein derzeit zuverlässiges landesweites Grundbuchsystem oder ein einheitliches Kataster ist nicht dokumentiert, weshalb Eigentumsstreitigkeiten häufig entstehen. Frühere Familiengerichte wurden in die Zivilgerichte eingegliedert. Ein Dekret von 2021 erkennt unter anderem die Zustimmung von Frauen zur Eheschließung und ihre Erbrechte an; die Umsetzung bleibt regional jedoch sehr uneinheitlich. Das am 14. Mai 2026 veröffentlichte Dekret Nr. 18 regelt die gerichtliche Trennung von Ehepartnern in 31 Artikeln. Männer können sich weiterhin einseitig scheiden lassen, während Frauen einen stärker eingeschränkten Weg der gerichtlichen Trennung nutzen müssen. Bei Erbschaftsangelegenheiten und der Eintragung von Eigentum auf den Namen von Frauen wurden erhebliche praktische Zugangshürden dokumentiert; UNAMA erfasste zwischen April und Juni 2025 insgesamt 2.602 Angelegenheiten im Zusammenhang mit der Brautgabe (Mahr). Stammes- oder Gemeinderäte (Jirga), beratende Räte (Shura), Ältestenräte, religiöse Gelehrte (Ulema) und familiäre Vermittlung lösen Streitigkeiten häufig schneller und günstiger, gewährleisten jedoch keine einheitliche Neutralität, Dokumentation, Rechtsmittel oder formelle Vollstreckung. Eine Rechtsberatung über 188 ist kostenlos; auch staatliche Prozesskostenhilfe soll nach Antragstellung und Bedürftigkeitsprüfung kostenlos sein. Frauen können besonders benachteiligt sein, weil die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, männliche Begleitung verlangt werden kann und der Zugang zu Vertretung oder Beweiserhebung begrenzt ist; Richterinnen und Anwältinnen sind vom formellen System ausgeschlossen. Einheitliche Gerichtsgebühren und verlässliche Verfahrensfristen sind nicht dokumentiert. Das Justizministerium erklärt, dass die Vollstreckung rechtskräftiger zivil-, handels- und familienrechtlicher Entscheidungen 20 Tage dauert. Wegen praktischer Unterschiede ist diese Angabe jedoch keine verlässliche Garantie für jeden Fall.
Zivilrecht in Afghanistan
Das Zivilrecht in Afghanistan regelt private Rechtsbeziehungen zwischen Menschen und Organisationen. Es umfasst Personen, Verträge, Eigentum, Familie, Erbschaft, Haftung, Gerichtsverfahren und Vollstreckung. Das System ist fragmentiert: Der Zivilgesetzbuch von 1977 und die frühere Zivilprozessordnung dienen weiterhin als Bezugspunkte, werden laut UN-Berichten landesweit de facto jedoch nicht zuverlässig angewandt; schariabasierte Regeln, Dekrete sowie teilweise unveröffentlichte oder mündliche Anweisungen prägen die Praxis.
Tipp
Behandle einen zivilrechtlichen Fall in Afghanistan nicht als landesweit einheitliches Verfahren. Sichere zunächst alle Unterlagen und kläre dann, ob eine Rechtsanspruchsstelle, ein Justizdirektorat, ein Gericht oder eine lokale Vermittlung für dein Ziel geeignet ist. Wenn du eine formelle Vollstreckung, ein Rechtsmittel oder einen verlässlichen Eigentumsnachweis brauchst, reicht eine informelle Einigung allein meist nicht aus.

